// Akkordeon Menü öffnen schließen

DR. GÜNTER NIESSEN

 

Wortprobe – Worte gestalten

 

  • Achte auf Deine Gedanken, sie werden zu Worten.
  • Achte auf Deine Worte; sie werden zu Taten.
  • Achte auf Deine Taten; sie werden zu Gewohnheiten.
  • Achte auf Deine Gewohnheiten; sie prägen Deinen Charakter.
  • Achte auf Deinen Charakter;  er wird zu Deinem Schicksal.

 

Upanishaden

Worte sind mächtig. In der Evolution des Menschen und den sich entwickelnden Möglichkeiten eines neuroplastischen, wachsenden Gehirns entstand über die letzten etwa vierzigtausend Jahre die Möglichkeit, immer komplexere Zusammenhänge wahrzunehmen und zu verarbeiten. Emotionen, Gefühle, Erinnerungen und Gedanken konnten zunehmend und auf Grund vieler sich parallel entwickelnder menschlicher Eigenschaften in Worte und Sätze gefasst werden. Nach und nach und zunächst unabhängig voneinander entwickelte jede Kultur ihre eigene Sprache und Grammatik. Es war nicht immer so, dass Menschen miteinander reden und sich verstehen konnten. Diese Entwicklung ist genauso revolutionär wie die Entwicklung des aufrechten Ganges oder der motorischen Fertigkeit unserer Hände.

Schon vor vielen Tausenden von Jahren gab es Menschen, die sich der Entwicklung im Außen zumindest teilweise entzogen und sich um das Verständnis und die Integration unseres „inneren Wissens“ gekümmert haben. Die Veden und Upanishaden sind ein Zeugnis jener Menschen, die dieses Wissen in die indische Kultur integriert haben. Andere Kulturen haben ebenfalls mystische, schamanische oder kultische Ideen und Erfahrungen gepflegt. Damals wurden diese Weisheiten mündlich von Generation zu Generation übermittelt, angepasst und verfeinert. Die Worte in Prosa, Poesie oder Sutra Form hatten einen bestimmten Rhythmus und eine Melodie, die in der indischen Sprache weitergegeben und erst vor zwei bis dreitausend Jahren in Sanskrit schriftlich festgehalten und kommentiert wurden. Jedes Wort, jeder Vers und jeder Satz hat dabei über die Jahrhunderte einen speziellen Kontext geschaffen, der nicht so leicht in andere Sprachen und Kulturen bzw. philosophische Denkansätze zu übersetzen ist. Zudem kommt erschwerend hinzu, dass die Themen, über die z.B. im Yogasūtra gesprochen wird, sich mit Zuständen befassen, die eher mystischen Inhaltes und somit schwer in Worte zu fassen sind. Ganz klar und immer wieder wird in der indischen Tradition beschrieben, dass es um die eigene Erfahrung geht. Jenes Erleben, dass nur dann möglich ist, wenn unser intellektuell begreifender Geist still wird. Nirodha ist das Konzept im Sūtra und beschreibt eben genau den Zustand des Yoga, in dem alles, was unseren Geist bewusst oder unbewusst bewegt, zur Ruhe kommt bzw. seinen Einfluss verliert und wir als Menschen in das Erlebnis reinen Gewahrseins eintauchen können.

Warum also die Beschäftigung mit Gedanken oder Worten, wenn das, was wir suchen jenseits der Worte liegt?
Worte sind mächtig und Ausdruck unserer faktischen Realität, aber auch unserer Gedanken, Gefühle, Ideen und Konzepte. Wir uns so sehr auf unsere intellektuellen Fähigkeiten eingelassen und sie so sehr gestärkt, dass unsere Intuition, unsere Möglichkeit des ungefärbten Erlebens und der Erkenntnis dessen, dass wir eins sind mit allem und jedem, immer mehr in den Hintergrund getreten ist. Unser sogenannter Geist bestimmt unser Handeln in jedem Augenblick unseres Lebens, gespeist aus unseren Erinnerungen (Erfahrungen der Vergangenheit) und unseren Sorgen (vor einer ungewissen Zukunft), und bewirkt so, dass wir selten wirklich im Augenblick verweilen, im unmittelbaren (Er-) Leben.

Es wird Jesus zugeschrieben, gesagt zu haben, dass Worte wie Brücken sind und wir unser Haus nicht auf einer Brücke bauen mögen. Im Kontext des Yogasūtra wird dies mit dem Konzept von vairāgya (nicht anhaften) beschrieben, denn auch an den Konzepten schöner Worte und Gefühle sollen wir nicht anhaften. Sie sind nicht das Ziel des Yoga, der darüber hinaus den ekstatischen Zustand der Freiheit (kaivālya) verspricht. Hier wird klar, dass Worte wichtig sind, um von A nach B zu gelangen. Sie können als Wegweiser dienen, sind aber nicht das Erlebnis selbst. Bei genauerem Hinsehen ist dies leicht zu verstehen, denn wenn wir das Wort „Wasser“ sagen, werden wir davon noch nicht nass. Die Beschreibung des schönsten Sonnenuntergangs kann nicht das unmittelbare Erlebnis eines Sonnenuntergangs ersetzen. Physiologisch, biologisch und mental ist das unmittelbare Erleben in jedem Moment unseres Lebens am Ende das, was unser Leben nährt, glücklich und sinnvoll macht.
Dennoch können schöne Worte, Poesie, Bilder und Konzepte helfen, auf den richtigen Weg zu kommen, sich dem direkten Erleben und damit der wahren Erkenntnis anzunähern. Wir alle kennen das Gefühl, das uns beim Lesen eines Gedichtes zuR richtigen Zeit am richtigen Ort und in einer dafür offenen inneren Haltung durchdringt gleichwie der Duft einer Blume über unseren Geruchsinn für Momente alle unsere Zellen durchströmt. Ein guter Bericht, eine schöne Erklärung oder ein wortreich beschriebenes Bild können unserer Fantasie auf die Sprünge helfen und unsere Achtsamkeit zur Aufmerksamkeit in die Tiefe des Verstehens lenken. Wir alle können Worte wie eine Speise oder ein Glas Wein verkosten und den Geschmack der Worte in unserem inneren Raum fühlen. Nie ist unser Geist isoliert von unserem Körper oder dem, was um uns herum vorgeht – ob wir das alles wahrnehmen und verstehen können oder nicht.
Worte und damit auch Gedanken, Gefühle und Konzepte sind mächtig. Sie können uns in die richtige oder in die falsche Richtung führen. In der yogischen Terminologie wird dieser Umstand mit den Begriffen kliṣṭa oder akliṣṭa – also bindend, irreführend und beengend oder befreiend – sein. In unserem Alltag nutzen wir im modernen Leben so unendlich viele Worte, um alles Mögliche zu beschreiben. Dabei geht unser Sprachgebrauch mit den Anforderungen des alltäglichen Privat- und Berufslebens in eine immer mehr funktionelle und, so empfinde ich es, ärmere Nutzung unseres Wortschatzes über. Wort-Schatz, Wort-reich, Wort-gewandt können wir nur sein bzw. kultivieren, wenn wir das auch üben. Die Richtung des Übens wird auf dem Yogaweg klar vorgegeben. Worte, Gedanken und Konzepte sollen helfen, zu reflektieren und zu kontemplieren, uns die Möglichkeit geben, zu schauen, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Voraussetzung dafür ist, so wie für den gesamten Yogaweg, die Achtsamkeit. Wir nennen dies gerne auch auf „speach-retreat“ gehen, um uns zumindest immer mal wieder bewusst zu machen, was wir da gerade sagen. Entspricht das Gesagte und das gewählte Worte überhaupt meinem Erleben oder dem Erleben, dass ich gerne anregen möchte? Wie oft am Tag sagen wir „Danke“ ohne es zu meinen, eher beiläufig und empfinden nicht das Erlebnis von Dankbarkeit? Wie oft nutzen wir Worte, die einen negativen Beigeschmack haben (z.B. Schimpfworte), zur Eile antreiben (mal eben, schnell, fix, rasch …), unsere „to-do-Listen“ füllen (sollte, müsste, würde …) oder Negationen dessen sind, was wir eigentlich sagen möchten (mache dir keine Sorgen, habe keine Angst). Wenn wir uns im Alltag die Mühe machen, darauf zu achten und unserer Wortwahl sowie dem, was wir lesen (Gedichte, gute Bücher usw. statt Zeitung) und hören (gute Gespräche mit unseren Liebsten über Inhalte anstatt Organisatorisches oder von Menschen, die sich wirklich mit einem Thema beschäftigt haben) etwas mehr Aufmerksamkeit schenken, ändert sich in wenigen Wochen unsere Ausdrucksweise, unser Sprachvokabular wird zum Wortschatz. Ein weiterer Vorteil dieser Achtsamkeitsübung im Alltag ist der Einfluss, den Worte auf unser bewusstes und unbewusstes Erleben haben. Auch das kennen wir alle. Ein Gespräch, in dem wir zuhören und uns zugehört wird, in dem wir unsere Worte aus dem situativen Miteinander schöpfen oder einem Sprecher zuhören, der von etwas erzählt, dass er wirklich und zutiefst meint und erlebt hat, versetzt uns sofort in eine ganz andere Stimmung als dem Hören der Nachrichten im Fernsehen. Warum, können wir uns fragen, neigen wir dann so oft dazu, die Nachrichten zu hören anstatt uns mit etwas Nährendem und Erfüllendem auseinander zu setzten? Das Leben ist so kostbar, warum erlauben wir die Trennung von uns selbst und von allem, was uns umgibt, indem wir das unmittelbare Erleben und Gewahrsein immer wieder nach hinten auf die Zeiten hinaus verschieben, wenn wir dann vielleicht die Muße dazu haben werden?

Fragen zu stellen ist unbequem, aber ein unglaubliches Mittel der Erkenntnis. Als lebensverlängerndes, intensivierendes und gesundheitsförderndes Elixier ist die gerichtete Neugier besser als jedes „anti-aging“ Medikament. Wie würdest Du Dich um Dich kümmern, wenn Du Deine beste Freundin wärst? Was könntest Du aus lauter Liebe zu Dir selbst tun?
Das Interesse nach innen zu richten auf unser eigenes Erleben, unsere Gefühle nicht nur wahrzunehmen sondern auch zu beschreiben, ihnen Raum in uns zu geben und dann durch unsere Erlebnisse im Inneren zu lernen, dass wir alle im Leiden, Lieben, Lachen verbunden sind, dankbar, mitfühlend und wohlwollend. Auch dazu können uns unsere Worte verhelfen.
„Journaling“ heißt es auf Neudeutsch, wenn wir diesen Fragen schriftlichen Ausdruck verleihen. Es ist eine wunderbare Möglichkeit, an unsere Zeiten des Tagebuchschreibens anzuknüpfen, Erlebtes günstig zu verarbeiten und in uns zu größerer Klarheit zu gelangen. Auch dadurch weitet sich unser Wortreichtum und unser Umgang mit uns selbst.

Als Yogalehrer*innen schöpfen wir aus den bewusst ausgesprochenen Erlebnissen die Kraft und Authentizität, unseren Schüler*innen auf ihrem Weg beizustehen, den Weg zu weisen und Brücken zu bauen. Wenn wir als Lehrer*innen nicht vergessen, dass wir keine alten Konzepte nacherzählen sondern lebendiges Erleben ermöglichen und Ideen und Richtlinien zur Vereinfachung und Verarbeitung des Lebens weiter geben möchten, dann werden wir mit unserer Sprache die richtigen Worte, neue Zusammenhänge und Wortkreationen finden und den für viele notwendigen Perspektivwechsel ermöglichen. Stellt Euch bitte ein Wort oder einen Satz auf einem weißen Blatt Papier vor. Natürlich sind wir dann sofort eingenommen von dem Wort und seiner Bedeutung. Dabei schwebt dieses Wort nicht in der Luft und wird erst möglich, durch den Papierbogen, die Farbe, dem Raum zwischen den Buchstaben und dem Raum vor und hinter dem Papier. So ist es auch mit der Stille nach dem gesprochenen oder gelesenen Wort. Die klare Stille, um die es im Yoga geht, in der unmittelbares Erleben möglich ist und jeder von uns seinen Wesenskern und seine tiefe Verbundenheit mit allem und Allen spüren kann. Daraus erwächst dann die Kraft, die unseren Unterricht trägt und unsere Schüler*innen nährt. Es ist die Stille in der Haltung, die Stille nach der Bewegung, die Stille nach dem Ausatem oder nach dem Kapalabhati und das Loslassen der Worte, Gedanken und Konzepte, die das Erlebte im Yoga so wertvoll macht.

Aus Krisen erwächst die Möglichkeit zu lernen und zu wachsen. Immer – wieder und wieder. Vor allem können wir lernen, die Perspektive zu wechseln.

Auch aus Steinen die Dir in den Weg gelegt werden,
kannst du etwas Schönes bauen

Erich Kästner

 

 

Aus der Schatztruhe für uns und euch als Yogalehrer*innen hier noch stichwortartig einige Inspirationen unserer Möglichkeiten:

  • Synonyme finden – sie bereichern uns und unser Erleben durch die Farbe, die sie den Worten geben und die kleinen Veränderungen der Perspektive, die damit verbunden sind.
  • Echte Bücher, Gedichte und Sprüche lesen und reflektieren. Sie vertiefen unsere Fähigkeit Konzepte und Worte im Erlebten wieder zu erkennen.
  • Wortlisten oder Wortsammlungen anlegen zu bestimmten Themen.
  • Wort der Woche – es ermöglicht die Vertiefung des Verständnisses eines Themas – das Beispiel gestern war „Mutter Erde“
  • Innehalten, immer mal wieder für eine Minute oder zwei, um die eigene Wortwahl zu schmecken, fühlen und riechen. Wir werden besser mit dem was wir üben.
  • Worte kreativ neu zusammensetzen oder in anderen Zusammenhängen gebrauchen. Das Beispiel gestern Abend war: „die Fußsohlen aneinander schmusen“ oder „denkfühlen“.
  • Verneinungen hinterfragen – sie sind manchmal hinderlich
  • Quellen der Inspiration im alltäglichen, im Alltag oder in unseren Gesprächen detektieren und das Vertrauen in die eigene Sprache zu entwickeln sowie das Vertrauen darin, dass unsere Schüler*innen ihre eigene Erlebnisfähigkeit jenseits der Worte entwickeln
  • Worte sind mächtig – im positiven wie im negativen Sinne. Sind sie kliṣṭa oder akliṣṭa?
  • Zusammenfassen haben wir Euch für den Unterricht mitgeben wollen: „Weniger Reden ermöglicht mehr Erleben“ und „Werdet im Verlauf des Unterrichtes stiller“. Zu Beginn einer Stunde ist es manchmal nötig unsere Teilnehmer*innen mit Worten abzuholen. Gegen Ende der Stunde dürfen wir sie in die Stille der eigenen Erfahrung entlassen.

Unsere liebsten Grüße von Herzen – Katharina und Günter

 Newsletter Anmeldung

Newsletter