DR. GÜNTER NIESSEN

 

„Diagnosen machen krank“

 

„Diagnosen machen krank“

Ja und Nein; Diagnosen können Klarheit schaffen aber in ihrer Wirkung haben sie durchaus mehr Potential, Menschen mit ihren Beschwerden zu stigmatisieren, sie darin fest zu „schreiben“ und den Prozess der Genesung zu hemmen als anders herum. Im Grunde sind es auch nicht die Diagnosen selbst sondern die Bedeutung, die einer Diagnose in unserer Kultur beigemessen wird. Sie beschreiben ja im Wesentlichen Auffälligkeiten, sichtbare körperliche Veränderungen oder Gemütszustände, unter denen die Betroffenen bzw. ihre Umgebung subjektiv leiden.

Warum Diagnosen?

Ärzte*innen und alle anderen Therapeuten*innen kümmern sich um Krankheit. Das ist ihr Job, ihr Auftrag und folglich auch der Fokus. Diagnosen müssen heutzutage vor allem aus abrechnungstechnischen oder rechtlichen Gründen gestellt werden und natürlich, um etwas „Schlimmes“ auszuschließen. Zudem fordern auch viele Patient*innen*en mittlerweile vom Therapeuten eine „klare“ Diagnose, die ihre Beschwerden erklärt.

Warum keine Diagnosen?

Sinnvoll wäre es, wenn Diagnosen zu logischen und nachvollziehbaren Schritten in Richtung Genesung führen würden. Dazu sind aber leider viele Diagnosen und die meist unhinterfragten, reflexartig geäußerten Therapieangebote nicht in der Lage. Oft beschreiben Diagnosen nicht wirklich das Leiden oder die Erkrankung der*s Betroffenen sondern sind Worthüllen, die im medizinischen Alltag für den reibungslosen Ablauf der Therapeut*in – Patient*in Beziehung und dem Abrechnungssystem sorgen. In diesem Kontext führen Diagnosen zur Pathologisierung eines im Grunde vorübergehenden Zustandes. Selbst wenn die Beschwerden wieder weg sind, haben viele Betroffene immer noch ihre Diagnose. Heute weiß man besser als noch vor einigen Jahrzehnten, dass z. B. die altersbedingten Verschleißerscheinungen, die mit vielen, sonderbar klingenden Worten von Ärzt*innen*en oder Therapeut*innen*en beschrieben werden, nur bedingt und oft nur vorübergehend etwas mit den jeweiligen Beschwerden des Patienten zu tun haben. Sie sind oft Ausdruck eines Konzepts und einer sehr eingeschränkten oder einseitigen Sichtweise auf den Menschen. Die in den bildgebenden Verfahren festgestellten Arthrosen der Facettengelenke und Bandscheiben am Rücken beispielsweise bestehen auch Jahre nach akuten oder anhaltenden Beschwerden weiter, ohne dass der Betroffene noch diesbezügliche Schmerzen oder Einschränkungen haben muss. Zudem weiß man, dass über 80% aller durchgeführten Knie-, Schulter- und Rückenoperationen überflüssig sind und Heilung auch mit konservativen Mitteln wie Bewegung, Zuwendung, Änderungen der Verhaltens- und Ernährungsweise und andere mehr herbeigeführt werden kann. Bereits im Spiegel von 2017 wurde ausführlich berichtet:
Hier geht`s zum SPIEGEL-Artikel

Was machen Diagnosen?

Vielleicht kennen Sie das ja aus eigener Erfahrung: Knieschmerzen kommen und Knieschmerzen gehen. Wir hören auf unseren Körper, lassen das Knie gelegentlich baumeln, ändern oder reduzieren die Belastung vorübergehend, unterlassen alle schmerzhaften Bewegungen, applizieren regelmäßig etwas Öl oder sanfte Massagen usw. und nach einigen Monaten sind wir wieder fit. So hat es jedenfalls für die Menschheit über Jahrtausende gut funktioniert.

Mit einer MRT oder anderen Verfahren festgestellte Diagnosen bekommen bei den meisten Patienten dann viel Raum und Energie, die Diagnose wird gefestigt und schwerwiegend. Das wir heute eine exzellente bildgebende Diagnostik zur Verfügung haben, ist sicher in einigen Fällen sinnvoll, effektiv und notwendig, um schwerwiegende Erkrankungen sichtbar zu machen oder sie auszuschließen. Dass aber suggeriert wird, man müsste eine Diagnose haben, um eine sinnvolle Behandlung durchzuführen oder dass viele Betroffene zuerst eine Diagnose brauchen, um sich zu motivieren, Veränderungen im Alltag, Beruf oder Sport umzusetzen, sind nach meiner Erfahrung hinderliche und der Gesundung nicht zuträgliche Entwicklungen.

Wann wären Diagnosen sinnvoll?

Die Frage ist also, wie sinnvoll ist das gängige Diagnosesystem heutzutage noch? Und welche Mittel würden helfen, den Weg aus einem Leiden heraus zu finden?

Meine diesbezügliche Erfahrung und die sich durchsetzenden Einsichten der modernen Forschung legen nahe, dass es sinnvoll ist, Diagnosen zunächst zu relativeren. Diagnosen gehören in einen klaren Kontext, oft sind es vorübergehende Zustände die uns einfach nur zum Handeln motivieren sollen. Als Therapeut*innen*en dürfen wir helfen, den gesunden Menschenverstand wieder zu aktivieren und den Betroffenen einen Weg in die Zuversicht und Selbstwirksamkeit aufzuzeigen. Dazu ist es zu Beginn oft notwendig, die gestellten Diagnosen zu entzaubern oder zu entmachten. Bei genauer Betrachtung der Bilder ist nämlich „kein Loch im Knie“ und es „reibt auch nicht Knochen auf Knochen“ wie so oft behauptet wird. „Ihr Rücken ist nicht der einer 80jährigen“ und viele andere, oft wortgewaltigen Vergleiche und Bilder gilt es umzuwandeln in Handlungsmöglichkeiten. Wenn es uns gelingt, den uns vertrauenden Patient*innen*en eine etwas andere Sicht auf ihre Beschwerden, den eigenen Körper, ihr Fühlen und Denken zu ermöglichen und ihnen Fertigkeiten beizubringen, selbst darauf Einfluss nehmen zu können, dann gelingt es leichter, die meist notwendigen Veränderungen im Alltag, Beruf, Sport, Lifestyle oder den Beziehungen zu gestalten.

Beschwerden, inklusive Schmerzen, sind ja nie gegen uns, sondern wertvolle Informationen und Signale unseres Körpers! Diese verstehen zu lernen, sie zu lesen und dann Möglichkeiten der Einflussnahme aufzuzeigen, wäre ein Weg aus der Ohnmacht in die Gestaltung der eigenen Genesung. Das viel gebrauchte und vielleicht abgenutzte Wort der Selbstverantwortung an dieser Gestaltung halte ich immer noch für einen wichtigen Schlüssel. Man kann Heilung oder Gesundheit nicht an andere delegieren. Wir selbst dürfen und müssen daran arbeiten und natürlich brauchen wir dazu immer auch Hilfe von außen, von Menschen, die ähnliches erlebt oder sich professionell mit diesen Bedingungen beschäftigt haben. Viele moderne Therapie-Modelle berücksichtigen unsere körperlich-geistig-emotionale und sozialen Verbundenheit und bieten sinnvolle und nachhaltige Wege zur Genesung. Im Kontext des Yoga und Ayurveda (der traditionellen indischen Medizin), die sicherlich nur einen der möglichen Behandlungsansätze darstellen, wird der Mensch in dieser Weise als „Ganzes“ betrachtet und beraten.

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